Wer oder was ist die Heliand Pfadfinderinnenschaft?

„Welt sehn, Welt sein,

jung sein um der Jugend willen,

kein anderer Grund jung zu sein, als der, jung zu sein.“

 

Die Heliand Pfadfinderinnenschaft (HMP) wurde 1989 auf der Burgruine Schwalbennest am Neckar gegründet. Fünf Frauen, die schon lange mit dem Evangelischen Jugendwerk Hessen (EJW) und unserem Bruderbund, der Heliand Pfadfinderschaft (HP), verknüpft waren, hatten den Wunsch und den Mut, eigene, auf junge Mädchen ausgerichtete Pfadfinderinnenarbeit zu machen. Seit dieser Geburtsstunde in einer noch etwas wackeligen Kothe, ist die HMP gewachsen und man findet uns nun in fünf verschiedenen Sippen, die sich von Wiesbaden bis Gießen verteilen.

Hier und in aller Welt tummelt sich nun ein bunter Haufen von ca. 250 Mädchen und Frauen. In wöchentlichen Gruppenstunden treffen sich Mädchen ab 8 Jahren mit ihren Gruppenleiterinnen zum Musizieren, Spielen, Reden und Lachen - um mal wild und mal besinnlich zu sein. Am Wochenende oder in den Ferien geht es dann gemeinsam zu Sippengeburtstagen, Waldweihnachten, Gruppenübernachtungen und natürlich auf Fahrten und Lager. 

 

Die ideelle Grundlage unserer Arbeit sind unsere drei Säulen: Die pfadfinderische, die emanzipatorische und die christliche Säule.
Als Pfadfinderinnen wollen wir die Natur bewusst erleben und uns für ihre Erhaltung einsetzen. Wir lernen, wie man sich im Gelände orientiert, wie man sich einen warmen Schlafplatz für die Nacht aufbaut – und dass man diesen am nächsten Morgen ordentlich hinterlässt.

Als Frauen bieten wir jungen Mädchen einen Rückzugsort, sind für alle Fragen offen und zeigen, dass man als Frau sein darf, wer man ist, und sich nicht in eine Prinzessinnen-Schablone einpassen muss. Das Christin-sein leben wir aktiv im gemeinschaftlichen Zusammenleben auf der Grundlage christlicher Werte. Niemand muss, aber alle dürfen das Christentum in Gesprächsgruppen, Gottesfeiern und Morgen- und Abendlöbern erfahren. 

 

Getreu dem Prinzip „Jugend leitet Jugend“ übernehmen die Gruppen- und Lagerleitung junge Frauen, die meist nur wenige Jahre älter als ihre Gruppenmädchen sind. Dadurch können sie sich selbst ausprobieren und lernen in einer wichtigen Entwicklungsphase, was es heißt, Verantwortung zu tragen und auch mal kämpfen zu müssen, aber vor allem: Über sich selbst hinauszuwachsen und selbstwirksam zu handeln.

In unserer Gemeinschaft haben wir die Möglichkeit, eine enge Bindung aufzubauen und finden Vorbilder, die in unserer Reichweite sind und uns oft ganz neue Welten eröffnen. Gemeinsam suchen wir das Abenteuer - die besinnlichen Stunden am Lagerfeuer, die Regengüsse auf Fahrt, das gemeinsame Kochen, wild feiern, neugierig sein. Alles gehört dazu und lässt uns die Welt und unsere bordeauxrote Familie lieben.


Was ist Pfadfinder*innenarbeit genau?

Anfang des 20. Jahrhunderts begann sich durch den Engländer Baden-Powell eine Idee auf der ganzen Welt zu verbreiten: das Pfadfindertum. Ursprünglich darauf ausgerichtet, Jungen auf den Militärdienst vorzubereiten, schuf sie bedeutende erzieherische und psychologische Ansätze.

Das Pfadfinder*in-sein soll jungen Menschen beibringen, ein eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben in Natur, Gesellschaft und - abhängig vom jeweiligen Bund- manchmal auch im christlichen Dasein zu führen. Dabei haben die Entwicklung der eigenen Individualität und gleichzeitig das erfolgreiche Funktionieren der Gemeinschaft einen hohen Stellenwert. Typisch für Pfadfinder*innenschaften sind meist großen Gruppen, hierarchische Systeme, die Durchführung von Lagern und das Erlernen von "Fahrtentechniken". 

 

"Versucht die Welt ein bisschen besser zurück zulassen,
als ihr sie vorgefunden habt. "  
Baden-Powell

 

Parallel dazu unternahmen in Deutschland immer mehr Jugendliche Wanderungen und Fahrten in die freie Natur. Als Flucht aus dem, von der Industrialisierung geprägten städtischen Leben, gründeten sich die Gruppen der sogenannten Wandervögel, die Jungen den Raum zur Entfaltung und Selbstwirksamkeit ermöglichten. Diese kleineren Gruppen waren meist von den Jugendlichen selbstorganisiert und schwerpunktmäßig auf das Unterwegs-sein ausgerichtet. 

 

Maßgeblich für die weitere Entwicklung der Jugendbewegung war das Treffen auf dem Hohen Meißner 1913, welches eine gesellschaftskritische Alternativveranstaltung zum patriotischen und militaristischen Jubiläumsfest der Völkerschlacht bei Leipzig darstellte. Hier kamen erstmals viele Verbände der Jugendbewegung zusammen, um sich für eine Stimme der "Jugend" in der Gesellschaft stark zu machen.  Der Begriff des "bündischen" entstand, mit dem sich auch heute noch Jugendverbände mit den Gedanken der damaligen Jugendbewegung identifizieren. 

 

Zunächst unpolitisch, konnte sich die Jugendbewegung kaum den Einflüssen ihrer Zeit entziehen und polarisierte im Kaiserreich, sowie besonders unter dem NS-Regime. So kämpften viele Jugendbewegte in den Weltkriegen, einige Gruppen schlossen sich freiwillig den Jugendorganisationen der Nationalsozialisten an - andere wurden zwangseingegliedert.

 

Beide Bewegungen waren zunächst nur für Jungen ausgelegt. Erst um 1910 wurden Mädchen und Frauen Teil der Bewegung. Heutzutage sind fast alle Bünde geschlechtergemischt. Geschlechtergetrennte Bünde leisten allerdings nicht zwangsläufig geschlechtsspezifische Arbeit.  

 

Generell kann man sagen, dass der Gedanke der Jugendbewegung bis heute in Jugendverbänden, Wandervogelgruppen und Pfadfinder*innenschaften (weiter)lebt.
Der weitreichende Hintergrund und die Vielfalt der Verbände lässt jedoch sehr unterschiedliche Schwerpunkte im Bereich Pfadfinderei und Jugendbewegtheit zu.